Traumspieleland

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Foto: hml-art

Das Redaktionsbüro war leer. Nur das Surren der Ventilatoren war zu hören. Die Hitze stand im Raum und aus dem Konferenzsaal tönten wie aus weiter Ferne dumpfe Stimmen. Robert kam lautlos, fast wie eine Katze auf Beutejagd, aus der Herrentoilette, schaute sich verstohlen um und ging dann direkt auf Susannas Tisch zu.

Er riss eine Schreibtischschublade auf, durchwühlte den Papierhaufen und verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse. Robert blätterte den Stapel einzeln durch, fand aber auch jetzt nichts. Er zog die andere Schublade auf und kämpfte sich durch Themenpläne und gelbe Klebezettel. Als er schon aufgeben wollte, fiel sein Blick auf den Boden hinter den Schreibtisch. Auf dem schwarzen Teppich lag eine Papierrolle. Das muss es sein, sagte er zu sich und wischte sich Schweißperlen von der Stirn. Er griff hastig nach der Rolle, schaute kurz hinein und faltete das Papier so klein, bis es in die Innentasche seiner schwarzen Lederjacke passte. Schnell ging er zur Tür.
„Hi Robert! Heute gar nicht in der Konferenz?“, überraschte ihn eine Stimme aus dem Assistenzzimmer, das im Eingangsbereich zum Großraum-Redaktionsbüro lag.
Er hielt abrupt inne, lief dann aber weiter, ohne aufzublicken. „Ich hatte nur was vergessen“, murmelte er und eilte hinaus. Die Tür fiel laut ins Schloss.

Lukas räkelte sich noch einmal in seinem Kinderbett, an dessen Fußende er schon fast mit den Zehen heranreichte. War das ein schöner Traum! Er wollte, dass er nie vorbei ging und kniff die Augen noch fester zusammen. Er hatte von einem Springbrunnen geträumt, der nur mit flüssiger Schokolade gefüllt war. Seine Tante hatte ihm immer wieder Waffeln herübergereicht, die er in die zarte Creme eintunkte und genüsslich abbiss. Der ganze Marktplatz roch nach Schokolade. Lukas atmete den Duft tief ein. Im Traum öffnete er die Augen. Der Brunnen, der literweise mit der leckeren Glückseligkeit gefüllt war, stand immer noch da. Da schaute er seine Tante erwartungsvoll an, als fragte er: „Darf ich?“. Sie lächelte ihm aufmunternd zu. Er sprang in den Schokoladenbrunnen, tauchte einmal unter und ganz mit Schokolade überzogen wieder auf. „Guck mal, ich bin ein Schokokuchen mit Glasur!“, rief er, streckte die Hände in die Luft und ließ sie platschend auf das Schokomeer knallen. Bei jedem Wort musste er sich kurz den Mund abschlecken, denn die Schokolade rann immer wieder auf seine Lippen.

„Komm sofort da raus!“, schrie jemand von hinten. Lukas erschrak und drehte sich vorsichtig um. Mama!
„Was fällt dir ein? Die anderen Kinder wollen auch noch die Schokolade aus dem Brunnen essen! Sofort raus da!“
Seine Mutter tobte. Das erkannte Lukas an ihren geballten Fäusten und den zusammengepressten Lippen. Die Augen waren nur noch schmale Schlitze. Mit strammen Schritten kam sie auf ihn zu. Sie hatte die Haare zu einem Dutt zusammengebunden und mit Gel geglättet, wie morgens, wenn sie zur Arbeit ging.

Lukas drehte sich wieder zu seiner Tante, aber sie war weg. Immer wenn es brenzlig wurde, war die verschwunden. Na toll, ärgerte er sich. Er spürte, wie seine Schultern ihm an die Ohren wuchsen. Das taten sie immer, wenn er Angst hatte. Die Schultern meinten es nur gut, sie wollten ihn beschützen. Aber unsichtbar wurde er so leider trotzdem nicht.

Plötzlich schoss eine riesige Schokobirne aus dem Brunnen an die Oberfläche. Aber es war gar keine überdimensional große Schokobirne. Er rieb sich die Augen und sah seine Tante. Die schleckte sich einmal mit ihrer Zunge, die jetzt rot aus dem braunen Gesicht leuchtete, die Schokolippen ab und seufzte dann tief. „Oh, ist das lecker!“

Lukas bekam einen Lachanfall. Seine Tante nahm eine Tasse vom Brunnenrand, zog sie einmal durch die Schokolade und tat, als sei sie eine feine englische Lady, die ihren Tee pünktlich zur Teatime einnahm. Sie hockte sich auf den Brunnenrand und schlug die Beine vornehm übereinander. „Junger Mann, darf ich Sie zu der besten Tasse Tee Ihres Lebens einladen, die tatsächlich eine Tasse Schokolade ist? Ich trage übrigens das Kleid des Glücks!“
Lukas kreischte vor Lachen.

„Susanna! Was fällt dir ein? Der Junge darf nicht so viel Süßes essen!“, schimpfte seine Mutter und stampfte zum Brunnen.
Lukas hielt inne und beobachtete die beiden. „Meine liebe Schwester, wir verkosten die Schokolade nur, wir essen sie nicht. Außerdem ist das hier in Wirklichkeit kleingeschnippeltes Obst …“

Lukas wunderte sich. Wie kam sie denn jetzt auf Obst?

„Lukas, mein Schatz, steh auf. Ich habe dir schon Obst geschnitten. Gleich gibt’s ein leckeres Frühstück“, sagte seine Tante und fasste ihn behutsam an der Schulter.
Oh nein, das war gar nicht mehr der Traum. Lukas drehte sich um, er wollte weiterschlafen.
„Na komm schon, Luki!“ Die Stimme seiner Tante war sanft, sie wiegte ihn beinahe erneut in den Schlaf.
„Nein“, murmelte er.
Plötzlich zog jemand die Decke weg. Seine Füße waren nackt. Das war zu kalt. Jetzt stürzten sich Hände auf ihn und kitzelten ihn.

Lukas liebte es, wenn seine Tante ihn kitzelte. Er streckte ihr die Hände entgegen als Zeichen dafür, dass sie ihn auf den Arm nehmen sollte. Aber sie kitzelte ihn nur weiter unter den Achseln. Schnell krümmte er sich zusammen wie ein Baby. Seine Tante fasste das kleine Paket und trug es ins Bad. Lukas rieb sich die Augen, während seine Tante ihn auf die Kommode setzte und sein Gesicht mit einem feuchten Waschlappen sanft abwischte.
„Ich hatte einen wunderschönen Traooooaaaoum“, murmelte Lukas unter dem Waschlappen.
„Wie bitte?“, fragte sie und nahm den Lappen zur Seite. „Ich hatte einen wunderschönen Traum. Wir haben in einem Springbrunnen gebadet, der nur mit Schokolade gefüllt war!“
„Ich war auch dabei?“
Lukas nickte und erzählte von dem Duft auf dem Marktplatz und wie sie ganz vornehm eine Tasse Schokolade getrunken hatten. Die Erscheinung seiner Mutter ließ er einfach weg. Sonst würde Susanna nur ein schlechtes Gewissen kriegen, dass sie so viel mit ihm spielte und es am Ende seltener tun.
„Wer als Erster unten ist“, forderte seine Tante ihn auf und wie immer gewann Lukas das Wettrennen zum Frühstückstisch.

Lukas` Mutter reiste beruflich viel. Als die Jungen und Mädchen im Kindergarten Lukas einmal fragten, was seine Mama den ganzen Tag mache, wiederholte er, was seine Mutter zu ihren Freunden sagte: „Sie kauft und verkauft Unternehmen in der ganzen Welt. Und wenn es sein muss, schmeißt sie die ganze Mannschaft raus. Von einem Kind lässt meine Mutter sich nicht die Karriere kaputt machen!“ Als die anderen Kinder verblüfft waren und sagten: „Mein Papa ist Lehrer und meine Mama passt auf das Haus und auf uns auf“, spürte Lukas, dass er nicht das Richtige erzählt hatte.

Seine Mutter und ihre Schwester Susanna hatten sich schon immer gut verstanden, wie seine Mutter oft erzählte. Und so wohnte Lukas bei seiner Tante, wenn seine Mutter in Abu Dhabi, Dubai und Peking Geschäfte regelte. Lukas fand das nicht schlimm. Denn Susanna war ein „cooler Hund“. So hätte dazu sein Nachbar Heinz gesagt, der bei ihnen im Ort die Pfadfinder betreute. Durch seine Tante hatte Lukas auch die Pfadfinder kennengelernt. Einmal war er dort gewesen. Noch war er zu klein, freute sich aber jetzt schon darauf, mit ihnen zelten zu gehen. Bis es so weit war und damit Lukas nicht so traurig war, hatte seine Tante ihm ein kleines Igluzelt im Wohnzimmer aufgebaut. Da hinein hatte Lukas einen Schlafsack, eine superstarke Taschenlampe, ein kleines Taschenmesser und ein Glas Nutella für den Notfall gelegt. Leider durfte Lukas hier nicht frühstücken, aber seine Tante spielte oft mit ihm im Zelt. Dann hängten sie die Lampe unter der Zeltdecke an einen Haken, zogen den Reißverschluss zu und ließen eine Fünf-Freunde-Kassette laufen. Wenn jemand Lukas nach seinem Lebensziel gefragt hätte, wäre seine Antwort sicher gewesen, alle Zeit in diesem Zelt zu verbringen. Schade, dass es nicht immer so sein konnte.  (…mehr im Buch)