Heimat

„Weißt du, Heimat ist dort, wo der Mensch ist, den du liebst. Dieses Zuhause wirst du auch finden.“

 

Foto: Michael Lenz
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Oma setzt den Kaffee auf. Die ganze Küche duftet herrlich nach gemahlenen Kaffeebohnen. Auf den Tisch stellt sie das Geschirr mit blauem Zwiebelmuster. Für Opa hat sie das frisch gebackene Bauernbrot angeschnitten, wovon Sarah wie schon als Kind sieben Scheiben essen wird – nur weil es so gut schmeckt. Dazu gibt es Schinkenwurst, von der sich jeder selber ein Stück abschneidet. Es kommt Sarah so vor, als säßen sie beim Picknick, draußen am Rand des Getreidefeldes, den Duft von reifem Korn in der Nase. Sie schaut sich in der schwarz-weiß gekachelten Küche um und bemerkt, dass Oma einen Bund Hafer in die große Vase neben der Tür gestellt hat.

Für ihre Enkelin kocht Oma immer extra einen Espresso in der kleinen Edelstahlkanne, die Sarah ihr aus Italien mitgebracht hat. Sarah mag keinen Filterkaffee, und Oma will sie verwöhnen. Langsam schöpft Sarah die goldbraune Crema ab, die so luftig leicht ist und doch die Schwere des Kaffees in sich trägt.

Opa kommt in die Küche. Er bringt Stallgeruch mit, denn bei Oma und Opa liegt die Küche noch direkt neben der Tenne, in der sechs Kühe stehen.
„Opa ist von vorgestern“, sagt Oma immer.

Er melkt noch im Anbindestall und muss die Melkmaschine von Kuh zu Kuh weiterrücken. Die Nachbarn besitzen längst einen modernen Boxenlaufstall mit Melkrobotern für 120 Kühe.
„Wenn er die Kühe nicht mehr hat, fällt er auf der Stelle tot um“, erklärt Oma gerne. „Wir müssen ihm die Kühe lassen.“

„Ach, die Sarah“, begrüßt Opa seine Enkelin und nimmt sie halb in den Arm, während sie auf dem Stuhl sitzt und kaut, den Mund voll vom frischen Brot. „Du bist ja eine richtige Frühaufsteherin. Wenn ich mein zweites Frühstück nehme, stehst du auf.“
Oma gießt Opa Kaffee ein und schiebt ihm den Stuhl zurecht. Dann fragt sie Sarah nach der Hochzeit, auf der sie gestern war. „Seit dem Kindergarten kennst du Marlene jetzt, nicht wahr? Hatte sie ein schönes Kleid?“, fragt Oma.
Sarah erzählt von dem mit Pailletten besetzten Kleid mit langer Schleppe, von dem Reitverein, der mit frisierten Pferden Spalier gestanden hatte, und von Marlenes Physiker-Kollegen, die ihr um Mitternacht ein Feuerwerk entzündet hatten.

„Das waren noch Zeiten, als man dachte, der Schädel einer Frau sei zu klein und die Temperatur im Gehirn zu kühl und somit das weibliche Gehirn nicht funktionstüchtig. Da gab es noch keine PhysikerINNEN“, zieht Opa die beiden auf. Jedes Mal schüttelt er eine Studie aus dem Ärmel, die die weibliche Intelligenz in Frage stellt.
Oma schmiert ihm ein Brot mit viel Butter und Liebe. „Aber Hans, die neueste Studie, nach der die Gene für Intelligenz nur auf dem X-Chromosom liegen, wovon nur Frauen zwei haben, hast du noch gar nicht vorgetragen.“
Opa grunzt ein unterdrücktes Lachen. Das ist es also, was Leute meinen, wenn sie sagen, dass ihre Liebe mit Humor jung bleibt, denkt Sarah, die selbst schon viel zu lange allein ist.

Sie hätte noch ewig mit ihren Großeltern hier am Küchentisch sitzen können. Wie lange war dieser Ort schon nicht mehr ihr Zuhause? Früher hatte sie mit ihren Eltern und Großeltern in einem Haus gewohnt und sich jeden Tag die Backen mit Omas Bauernbrot vollgestopft wie ein Hamster. Auf dem Dachboden hatte sie stöbern dürfen, alte Mathe- und Deutschhefte mit schlechten Noten von Opa gefunden und Kinderbücher von Oma, die muffig rochen und so staubig waren, dass die Hände nachher juckten und das Wasser beim Händewaschen braun wurde.

„Gefällt es dir in deiner neuen Wohnung?“, fragt Oma.
„Mensch, wie oft bist du jetzt schon umgezogen? Du kennst ja bald die ganze Welt“, meint Opa.
„Das kommt euch nur so vor.“ Sarah weiß aber, dass sie recht haben. Sie schaut auf die Postkarten am Kühlschrank, die sie ihnen aus vielen Städten der Welt geschickt hatte. Zwei Jahre Vordiplom in Hamburg, ein Jahr Oslo, zwei Jahre Hauptstudium in Berlin, je drei Monate Praktikum in Vancouver und San Francisco, ein kurzer Job in Hildesheim und nun endlich eine feste Stelle in Marburg.
„Wenn du so oft umziehst, wirst du nirgendwo heimisch. Bevor du dich richtig wohl fühlst, bist du schon wieder weg“, erinnert sie sich an Omas Worte.

Oma und Opa kommen aus demselben Ort und sind nie umgezogen. Er war damals auf dem Schulweg an ihrem Hof vorbeigekommen. Oft arbeitete Oma im Garten an der Straße, wenn Opa mit dem Rad vorbeifuhr. Mit siebzehn Jahren hatte Opa sie jeden Samstag zum Tanztee eingeladen.

Opa steht auf. „Ich muss weiterarbeiten. Sonst werde ich heute nicht mehr fertig.“ 76 Jahre und immer noch voll berufstätig, denkt Sarah. Opa küsst Oma auf die Stirn und sie umarmen sich. Oma lacht wie ein junges Mädchen, das sich schämt und freut zugleich. Das ist ihr Ritual, und Sarah liebt es. Als Opa weg ist, verrät Oma: „Weißt du, Heimat ist dort, wo der Mensch ist, den du liebst. Dieses Zuhause wirst du auch eines Tages finden.“