Der blaue Vogel

stroh-klein
Foto: Andrea Bahrenberg

Jeder hatte mich schon einmal in seinem Blick. Denn ich bin der blaue Vogel, der die Träume der Menschen trägt. Wenn die Menschen gedankenverloren vor sich hin lächeln, bei Regen versonnen in die Ferne schauen, vorbei an den abperlenden Tropfen am Fenster, oder wenn sie auf das Meer starren und jede Welle mit ihren Gedanken nachzeichnen, wenn sie verträumt ins Feuer schauen und ganz still werden, dann fliege ich hoch, und die Thermik ist gut für mich. Ich fliege hoch hinaus in die Wolken und gebe die Traum-Wunschzettel dort ab.

Die Träume sind ganz unterschiedlich. Ich bewerte sie nicht, und doch wundere ich mich. Der eine träumt bloß von einer Flasche Bier, weil er nicht darf. Mancher träumt von einem schnellen Porsche, einer Villa oder einer Diamantenkette. Andere wünschen sich ein Land, wo es genug zu essen gibt. Manche träumen davon, leicht wie eine Ballerina zu tanzen und sich grazil bewegen zu können. Oder mit einem gelben Sonnenschirm auf einem Dachfirst zu balancieren. Eine Frau will einmal auf der Bühne stehen und vor 40000 Menschen in einem glitzernden Kleid singen. Ein kleines Mädchen wünscht sich ein Pferd, mit dem es im Galopp in die Wolken zu seiner Mutter reiten kann. Ein kleiner Junge will wie Batman fliegen können und mit Superman-Kräften seinen kleinen Bruder gesund machen.

Ich höre all diese Träume und trage sie hoch hinauf. So lange die Menschen träumen, kann ich fliegen.