Besser als Gold

„Da war der Weg plötzlich zu Ende und Lotte stand vor einer Tür. Es war die Haustür ihres Elternhauses. Sie war zu Hause angekommen.“

Foto: Valerie Pütz

 

Lotte rannte um ihr Leben. Laut hörte sie ihren Atem. Es klang wie das Hecheln eines Wolfes, der gejagt wird. Sie spürte, wie der riesige Berg hinter ihr her stampfte. Mit donnernden Schritten brachte er die Erde zum Beben. Je näher er kam, desto heftiger erzitterte der Boden. Durch die Wildblumenwiese zogen sich Risse. Mit jedem Stampfen wurde Lotte hochgeworfen. Sie hatte Angst. Es fühlte sich an, als würden tausend schwarze Spinnen über ihren Rücken krabbeln. Plötzlich riss die Erde vor ihr auseinander und bildete eine tiefe Schlucht. Der Spalt war zu breit, um ihn zu überwinden. Sie nahm ihre letzte Kraft zusammen und sprang. Unter sich sah sie den Abgrund, der in einem schwarzen Nichts endete.

Auf einmal brach der Berg die Verfolgung ab und hielt inne. Er trat nur noch einmal kräftig auf den Boden, sodass die Erde erzitterte, wie unter einem Donnerschlag. Starke Echowellen zerschmetterten die Luft. Lotte spürte den Schalldruck wie einen Stoß in den Rücken. Ihr Kopf wurde in den Nacken geschleudert, und mit einem Ruck lag sie am anderen Ende der Schlucht auf einer Wiese. In ihrem Kopf hämmerte es. Ein rotleuchtender Klatschmohn bedeutete ihr, schnell aufzustehen, und zeigte auf etwas hinter ihr. Aber sie konnte den Kopf nicht drehen. Auch die Beine gehorchten ihr nicht. Der Klatschmohn wollte ihr aufhelfen und zog mit seinen Blättern an ihrer Schulter.

Plötzlich bebte die Erde noch heftiger. Der Berg kam mit mächtigen Schritten näher. Lotte sah, dass dem Klatschmohn mit jedem Beben eine seiner Wurzeln ausgerissen wurde. Bald würde er keinen Halt mehr finden. Lotte versuchte, sich auf ihre Arme zu stützen, aber sie waren wie gelähmt. Neben ihr krochen Würmer und Tausendfüßler aus dem Boden und krabbelten in Windeseile Richtung Meer, weg von dem Berg, der immer näher kam.

„Los, auf zur Papierinsel! Kommt mit!“, riefen sie. Die Papierinsel würde für alle guten Wesen eine Brücke aus Papier aufs Festland auslegen. Gegen das Böse jedoch wandte sich die Insel mit ihren ureigenen Waffen: Sie würde es so lange mit Papier einwickeln, bis es mit all seinen Dämonen ersticken würde, erklärte ein Tausendfüßler.

Lotte hörte die Schritte des Berges jetzt sehr laut. Er musste kurz vor dem Abgrund stehen, der sie voneinander trennte. Da brüllte der Berg laut und wuchtige Brocken fielen herab. Einer knallte direkt neben Lottes Hand. Im nächsten Moment prallte ein weiterer Fels mit einem dumpfen Krawumm neben den kleinen Klatschmohn, der seine hauchdünnen roten Blätter zusammenzog.

Angstschweiß strömte Lotte übers Gesicht und sammelte sich vor ihr in einer kleinen Pfütze. Entweder werde ich gleich unter einem scharfkantigen Felsen begraben oder ich ertrinke in meinem eigenen See aus Angst, dachte sie. Sie konnte auch versuchen, ihn auszutrinken. Lotte hielt die Zunge kurz in den See. Er war furchtbar salzig. Das war keine Lösung.

„Du bist doch ein Mensch, oder?“, fragte der Klatschmohn.
Lotte nickte.
„Bist du nicht das Mädchen, das auf dem Weg der Wünsche zieht und von dem alle reden?“
„Tun sie das?“ Für einen Moment fühlte Lotte sich geschmeichelt.
„Dann wünsch dir endlich was!“, quietschte der Klatschmohn, der nur noch an einem Wurzelfädchen hing. „Was du dir nicht wünschst, bleibt unerreichbar! Wenn ich richtig informiert bin, muss man von einem Wunsch zum nächsten gehen, um den richtigen Weg zu finden.“
Lotte nickte. Der Klatschmohn hatte recht. So hatte es ihr die gute Fee auch erklärt. Aber was sollte sie sich wünschen? Der See aus Angst reichte ihr schon bis ans Kinn.

Da bäumte sich der Berg wie ein Bär auf, schlug sich auf die felsige Brust und brüllte noch lauter. Es regnete Felsbrocken, die rund um Lotte und den Klatschmohn auf den Boden prallten.
„Jetzt! Los!“, schrie der Klatschmohn verzweifelt und duckte sich. Der See aus Angst reichte Lotte bis zur Unterlippe.
„Ich wünsche den Klatschmohn und mich auf die Papierinsel“, rief sie und sah noch, wie ein Brocken direkt auf den Mohn heruntersauste.

Lotte öffnete die Augen und tastete um sich. Sie lag auf einem Bett aus Papier, das sich seidig anfühlte. Sie schaute sich in dem weißen Raum um und suchte nach dem roten Klatschmohn. Sie war erleichtert, als sie ihn auf einem Bett erblickte. Er schlief noch, und um den verbliebenen Wurzelstrang war ein Plastikbeutel mit Wasser gebunden.

Da kam ein Buchstabe an Lottes Bett. Es war ein L, das freundlich nach ihrem Wohlbefinden fragte. Das L sagte, dass es für Lotte zuständig sei und reichte ihr eine Tasse mit einer Buchstabensuppe.
„Diese Suppe wird dich heilen und dafür sorgen, dass die Lähmung deiner Glieder schon bald nachlassen wird“, erklärte das L.
Lotte versuchte in der Suppe zu lesen, worin ein M, T, U ein L, B, E, I, E und ein Z, V, R, U, E, I, S, H, C, T schwammen.
„Gleich wird das große A kommen und mit dir deine Lage besprechen“, verabschiedete sich das L wieder.
Lotte schaute zum Klatschmohn herüber, der gequält lächelte. Er hatte auch eine Suppe, aber bloß mit den Buchstaben K, A, F, R, T, bekommen.
Als das A eintrat, staunte Lotte, wie groß es war. Klar, es war der erste Buchstabe im Alphabet und offenbar so etwas wie die Königin der Papierinsel. Es trug einen lustigen Hut, wie Kinder ihn basteln, wenn sie Maler spielen.
„Ich habe dir etwas mitgebracht, das dir helfen wird, Lotte“, sagte das A und hielt ihr ein weißes Blatt Papier hin. „Damit kannst du deine Reise auf dem Weg der Wünsche noch einmal neu beginnen.“

Das A erzählte, es habe der guten Fee einen Papierflieger mit der Botschaft gesendet, dass Lotte auf der Papierinsel sei und sich nicht bewegen könne. Nach Anleitung der Fee hätten sie eine passende Suppe mit Heilkraft gekocht. Zur Belohnung für die gute Pflege der Irregeleiteten hätte die Fee der Papierinsel neue kleine Buchstaben gezaubert. Sie waren kyrillisch. Jetzt seien beinahe alle Buchstaben der Weltsprachen auf der Papierinsel vereint.

„Du hast uns alle in Gefahr gebracht, Lotte.“ Durch das Einwickeln des Berges hätten sie viel Papier verloren, weil er so groß war. So schnell könne man gar nicht neues Papier schöpfen. „Du hast einen falschen Pfad auf dem Weg der Wünsche beschritten und dein Leben sowie das anderer aufs Spiel gesetzt“, sagte das A und schaute zum Klatschmohn. „Wie kamst du darauf, in das Land der scharfkantigen Felsen zu gehen?“, fragte das A und klang wie eine strenge Mutter.

Lotte schlug die Augen nieder.
„An der Wegkreuzung gab es einen kleinen Mann, der nur aus Moos bestand. Er sagte, oben auf dem Felsberg gebe es einen Thron, der durch einen neuen Herrscher bestiegen werden müsse. Er hat mir so sehr von den scharfkantigen Felsen vorgeschwärmt, die alles aus sich bauen könnten, was man sich wünscht, und die so stark seien. Da ließ ich mich von dem kleinen Mann herausfordern, bei einem kleinen Wettkampf mitzumachen: Wer zuerst oben auf dem Berg sei, würde zum Herrscher über das Königreich.“

„Aber der Mann aus Moos kann die Felsen einfach bewachsen, und die scharfen Kanten schneiden ihn nicht.“ Das A wirkte auf einmal wie eine hundertjährige Frau, die schon alles erlebt hatte. Lotte schaute sofort wieder zu Boden.
„Was ist daran interessant, Herrscherin über Gestein zu sein? Steine sind kalt und leblos“, stellte das A fest und strich Lotte liebevoll über die Wange. „Ich glaube nicht, dass es das ist, was du suchst.“
„Ich wollte, dass auch mal einer auf mich hört. Die Felsen hätten alles für mich getan“, gab sie kleinlaut zu.
„Werden deine Wünsche denn sonst nicht gehört?“
Lotte schüttelte den Kopf. Sie dachte an Zuhause, wo sie immer nur alles für andere tun musste, so schien es ihr jedenfalls. Auf ihren sieben Jahre jüngeren Bruder musste sie jeden Tag aufpassen und er schrie immer nur. Für ihre Mutter musste sie im Garten ständig das Unkraut herauszupfen. Die goldene Kette mit dem lilafarbenen Edelstein, die sie sich so sehr zur Kommunion gewünscht hatte und die alle ihre Freundinnen bekommen würden, war zu teuer, und mit ihrem besten Freund Max mussten sie immer das spielen, was er wollte, meistens Fußball.
„Du bist ein gutes Mädchen. Du wirst dir bald das Richtige wünschen“, sagte das A.

Nach ein paar Tagen war die Lähmung verschwunden, und Lotte sollte auf dem Weg der Wünsche weiterziehen, um endlich ihren Pfad zu finden.
„Ich bleibe noch ein wenig hier“, sagte der rote Klatschmohn. Die Buchstaben würden ihn bald auf die Wildblumenwiesen bringen, wo er seine Wurzeln wieder in die Erde senken würde. Lotte entschuldigte sich, dass sie ihn in Gefahr gebracht hatte.

„Du hast ja noch rechtzeitig die Kurve bekommen“, sagte der Klatschmohn und stupste sie mit seinen Blättern freundschaftlich in die Seite. „Ich möchte dir etwas schenken. Es soll dir auf deinem Weg helfen.“ Es war ein Stück Holz, das mit dem Myzel des Pilzes Hallimasch übersät war. Es fluoreszierte im Dunkeln und würde ihr den Weg leuchten. Lotte bedankte sich bei dem neu gewonnenen Freund und brach auf.

Der Weg der Wünsche führte einen Fluss entlang, der je nach Abzweigung seine Farbe veränderte. War ein Wunsch gut, sprudelte das Wasser klar. Dann konnte man bis auf den Grund schauen, und es stillte den Lebensdurst. Wer davon trank, gewann sogar neue Kraft. War ein Wunsch bösartiger Natur, so wurde das Wasser trüb, floss zunächst langsamer und mündete dann in einen Strudel, der alles in sich verschlang. Es war mit grünen Flecken belegt und sah giftig aus.

Lotte staunte über die vielen Möglichkeiten abzuzweigen. Da war ein Schokoladenhaus. Das Haus hatte keine Fenster, damit der ganze Duft der Schokolade darin bewahrt wurde und nicht der kleinste Hauch des Aromas entrinnen konnte, stand auf dem Wegweiser geschrieben. Lotte wollte nicht hineingehen. Sie wusste, dass sie nie wieder herauskommen würde.

Ein anderer Weg führte zu einem Kinohaus, in dem man in das Leben jedes Helden schlüpfen konnte. Es gab ein Bierhaus, in dem man alle Sorten der Welt probieren konnte. In dem Pferdehaus konnte man ein ganzes Leben lang Haflingern, Arabern und Friesenpferden die Mähnen striegeln, den Tieren auf den Hals klopfen und sie reiten. Im Haus der Familie bekam man eine Familie, mit der man gemeinsam essen konnte und wo einem die Eltern vor dem Schlafengehen Geschichten vorlasen und Mut zusprachen. Es gab ein Künstlerhaus, in dem man, sobald man es betrat, die Fähigkeit erhielt, die schönsten Bilder zu malen.

Im Haus der Beliebtheit stand man auf einer Bühne und wurde von Millionen Menschen bejubelt. In einem anderen Haus waren alle Landschaften der Erde und der Fantasie eingebaut, sodass man mit jedem Zimmer ein anderes Land, eine Wüste, einen Urwald, eine Höhle, einen Vulkan, eine antike Stadt oder ein Meer bereisen konnte. Im Managerhaus hatte man die Möglichkeit, über tausend Mitarbeiter zu führen und ihnen zu sagen, wo es langging. Aber nach den Erfahrungen mit dem Berg ging Lotte ganz schnell an dieser Abzweigung vorbei.

In einem anderen Haus konnte man teure Kleider anziehen, wertvolle Uhren tragen, Aktienkurse verfolgen, schnelle Autos fahren und in einer feinen Gesellschaft verkehren, die dies wertschätzte. Hier war das Wasser des Flusses schon trüb, aber richtig dunkel wurde es bei einem Folterhaus, wo man andere Wesen nach Lust und Laune quälen konnte. Kurzum, auf dem Weg der Wünsche gab es für jeden Geschmack das Richtige.

Lotte wusste nicht, wo sie anhalten sollte. Es waren einfach zu viele Möglichkeiten. Sie wünschte sich eine Karte, die ihr den richtigen Weg zeigte. Das war alles so verwirrend. Sie würde ewig brauchen, um herauszufinden, welche ihre Wünsche waren.
Da kam sie an einen Wegweiser, auf dem ein Bild von einem goldenen Schloss abgebildet war. Darauf stand: „Prinzessin gesucht!“ Das hörte sich für Lotte danach an, als ob dort all ihre Wünsche an einem Ort erfüllt würden.
„Ich wünschte, ich wäre eine Prinzessin, würde auf einem wunderschönen Schloss wohnen, einen Prinzen heiraten, der unglaublich gut aussieht, mich die ganze Zeit anhimmelt, tut, was ich sage, und ich hätte mein eigenes Pferd. So, wie ich mir das vorstelle, gibt es das eigentlich nur im Märchen“, dachte Lotte, wischte den Gedanken aber sogleich wieder weg und ging leichtfüßig hinunter ins Tal zu dem goldenen Schloss. Sie achtete gar nicht auf die Farbe des Wassers im Fluss. (…mehr im Buch)